Eine Szene von einem FDP-Parteitag in den 80er Jahren ist mir in Erinnerung geblieben, ein Dreiergespräch, das nicht in den Film eingegangen ist: Gerhart Baum steht mit der blutjungen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und mit Werner Maihofer zusammen, dem Denker der FDP der 60er und 70er Jahre, Vorgänger Baums im Amt des Bundesinnenministers. Es ist ungeschnittenes Material, aus dem Archiv des WDR. Der Kameraton fängt (leider in schlechter Tonqualität) auf, was Leutheusser-Schnarrenberger gerade sagt: „Na ja, da schreiben wir eben ein Papier „Freiheit ist ... und so weiter".

Dieses Wort „Freiheit ist ..." war der Arbeitstitel des Films. Was Freiheit ausmacht, was sie bedroht und welcher Preis für sie zu zahlen ist, das ist Gerhart Baums Lebensthema. Und obwohl er selbst nur vier Jahre lang ein Ministeramt in der Bundespolitik innehatte, ist sein Werdegang eng mit der Entwicklung Nachkriegsdeutschlands verknüpft. Den politischen Wandel der Bundesrepublik hat er mitgestaltet, an der Seite von Hans-Dietrich Genscher, Günter Verheugen und Burkhard Hirsch, auch sie Gesprächspartner des Films.

Baum war 22 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestages; innerhalb der FDP gehört er zum linksliberalen „Freiburger Kreis", der an die Freiburger Thesen des reformorientierten „Sozialen Liberalismus" der FDP Anfang der 70er Jahre anknüpft: Aufgabe der Politik sei es, hieß es damals, den Einzelnen vor den freien Kräften des Marktes zu schützen und die Macht des Staates zu begrenzen: „Der Staat darf nicht alles" – „Der Staat sind wir alle". Diesen Überzeugungen ist Gerhart Baums bis heute treu geblieben.

Der Streit der Liberalen in den 70er und 80er Jahren um den Begriff Liberalität, die der „wirtschaftsliberale" Flügel im Sinne ökonomischer Effizienzsteigerung auslegte, während die „Linksliberalen" gesellschaftliche Verantwortung und „Verteilungsgerechtigkeit" forderten, er ist der Hintergrund von Baums Lebensdrama: die wohl bitterste Zeit seines politischen Lebens war 1982, als die sozialliberale Koalition zerbrach, für deren Erhalt er und der linke Flügel der FDP bis zuletzt gekämpft hatten. Baum verlor das Amt des Innenministers – aber Justizminister mit einem Innenminister, der seine Politik bekämpft hatte, wollte er nicht werden. „Rechter Flügel, linker Flügel", sagt damals kurz vor dem Bruch Burkhard Hirsch, Baums Mitstreiter am „linken" Rand der FDP, „in der Mitte ist immer noch das Dicke, das mit Hilfe der Flügel fliegt."

Welchen Zerreißkräften „das Dicke in der Mitte" der FDP ausgesetzt war, während sich die Partei in wechselnden Koalitionen immer wieder neu ausrichtete, das aus Baums Sicht nachzuvollziehen, ist heute noch aufregend. Und erstaunlich ist: Die Debatten der Vergangenheit wirken immer noch aktuell; sie lassen Rückschlüsse auf den jetzigen Zustand der Partei zu – auch wenn die FDP von heute nicht Gegenstand des Films ist. Dass beispielsweise die Liberalen das von Genscher Anfang der 70er Jahre entwickelte Umweltthema an die Grünen verloren – in Daniel Cohn-Bendits Auslegung ist dies die Konsequenz des Wandels der FDP hin zur wirtschaftsliberalen Partei.

Was mich von Anfang an Gerhart Baum faszinierte, war seine intellektuelle Position des „Bürgerrechtsliberalen", der Freiheit und Menschenwürde und demokratische Grundrechte auch den „Feinden der Demokratie" zubilligt: Eine seiner ersten Überlegungen im Film lautet: „Dürfen Freiheitsfeinde demonstrieren, die Antwort ist: Ja!" Die Bemerkung entspringt einer konkreten Situation: Baum fährt im Auto durch Dresden und beobachtet die Demonstranten, die gegen die aufmarschierenden Rechtsextremen und Neo-Nazis demonstrieren, am Jahrestag der Zerstörung der Stadt. Er fährt fort: „Sie haben sogar Anspruch, von der Polizei geschützt zu werden, um ihr Demonstrationsrecht auszuüben. Was viele nicht verstehen. Aber das gehört zum Grundelement unserer Demokratie, dass auch Feinde der Demokratie Grundrechte haben."

Baum hat als Kind die Nazi-Diktatur erlebt, der auch sein Vater zum Opfer fiel. Die Scham über „das Unfassbare", das Bewusstsein von gesellschaftlicher Verantwortung jedes Einzelnen – Baums politisches Engagement hat hier seine Wurzeln. Als 20-Jähriger liest er Thomas Manns „Doktor Faustus", und schreibt, aufgewühlt, dem Schriftsteller einen Brief: „Nach 1945 befand ich mich im ausweglosen Dunkel der hereingebrochenen, uralten Verwirrung. Welchen Signalen war zu trauen, wenn alle, die als solche gegolten hatte, Verderben bringende Irrlichter gewesen waren. Wie war all das Unfassbare, aus dem anderen, dem wahren, dem hochgeistigen, humanen Deutschland entstanden, wie sollte man zu diesem Deutschland je zurückfinden?" - Im Film liest der sichtlich bewegte Hans-Dietrich Genscher diese Briefpassage vor, an Baums 75.Geburtstag, in einer Rede, in der er an beider lebenslanger Freundschaft zurückdenkt.

Dass Alt-Nazis ausgerechnet in der FDP der 50er und 60er Jahre zu finden waren, überrascht von heute aus gesehen. Damals ging es um Fragen wie die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, eine Debatte, die die Partei spaltete. Baum, Günter Verheugen, Hildegard Hamm-Brücher und Hans-Dietrich Genscher haben in den 60er Jahren gegen diese „Braunen Netzwerke" innerhalb der FDP gekämpft – ein Kampf „von einer Härte und auch Unbarmherzigkeit", sagt Günter Verheugen, „die man sich heute kaum noch vorstellen kann." Als Innenminister der sozialliberalen Koalition suchte Baum in der Zeit des RAFTerrors den Dialog auch mit Gegnern des Staates wie dem damaligen RAF-Anwalt Horst Mahler. Heute ist er – selbstkritisch – davon überzeugt, dass der Staat zu jener Zeit überreagiert und die Freiheitsrechte der Bürger zu stark beschnitten habe.

Baum kritisiert heute die fortschreitende Ausweitung von Sicherheitsgesetzen, die jeden Bürger zum potenziellen Täter machen. Verfassungsbeschwerden vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Großen Lauschangriff und die Online-Durchsuchung, gegen das Luftsicherheitsgesetz, das den Abschuss von Passagiermaschinen im Terrorfall erlauben sollte, oder gegen Vorratsdatenspeicherung – Baum und seine Mitstreiter Burkhard Hirsch und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hatten damit Erfolg.

Vollkommene Sicherheit, davon ist Baum überzeugt, kann es nicht einmal unter totalitären Regimen geben. Angesichts der Möglichkeiten und Gefahren von „Big Data", wo durch die Zusammenführung von im Netz verfügbaren Informationen Personenprofile erstellt werden können, der Bürger zum gläsernen Bürger, der Staat zum Überwachungsstaat wird, setzt sich Baum zur Wehr. Er will sensibilisieren dafür, dass es ohne die Fähigkeit, Unsicherheit zuzulassen, keine Freiheit geben kann: „Freiheit bedeutet, Risiko auszuhalten und sich nicht falschen Sicherheitsvorstellungen hinzugeben, um die Angst zu bekämpfen."

Am Ende des Films steht eine denkwürdige Begegnung: Da überreicht Gerhart Baum dem früheren sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow den „Friends of Dresden"-Friedenspreis für Gorbatschows Bemühungen um Abrüstung in der Welt. Gorbatschow appelliert an die „Zivilgemeinschaft": „Es gibt Menschen, die einfach nicht auf ihre Riesenprofite verzichten wollen, und die größten Gewinne kann man über den Verkauf von Waffen erzielen. Wir werden dem nicht entgegen wirken können, wenn die Menschen dieser Welt, wenn die Zivilgesellschaften dieser Welt dem nichts entgegen zu stellen haben, denn die Politiker alleine schaffen es nicht - das kann ich ihnen sagen, ich bin seit 55 Jahren in der Politik und ich weiß, was Politiker können und was nicht."

Diese Überzeugung, dass jeder Einzelne auf Veränderung hinwirken kann, hat auch Gerhart Baum sein Leben lang verteidigt. Baum steht in Dresden vor den „Steinen des Anstoßes", ein Denkmal, errichtet aus den Trümmern der zerbombten Kreuzkirche. Es ist der Bürgerrechtsbewegung der DDR gewidmet: Lang vor dem Zusammenbruch des Regimes demonstrierten junge Leute mit Kerzen in der Hand friedlich für ihre Freiheitsrechte: „Die einzige Freiheitsrevolution, die in Deutschland je Erfolg hatte!" sagt Baum.

 

INTERVIEW mit der Filmemacherin Bettina Ehrhardt zu ihrem Werk

„Dass es Gerhart Baum immer um Menschen ging, das fasziniert mich"

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über Gerhart Baum zu machen?

Ich kenne Gerhart Baum seit vielen Jahren – seine Frau und er sind sehr kunstinteressiert; sie lieben die zeitgenössische Musik. Ich habe Filme über Komponisten und Musiker gedreht; Renate und Gerhart Baum kamen zu den Filmpremieren. Es entstand eine Freundschaft und irgendwann die Idee, ein Filmporträt über Gerhart Baum zu machen. Nicht weil wir befreundet sind – seine liberalen Überzeugungen und die Unbedingtheit, mit der er sie bis heute vertritt, sind es, die mich faszinierten. Da ist jemand, der sich nie gescheut hat, für seine Ideen streitbar einzutreten, der lieber politisch scheiterte als klein beizugeben. Gerhart Baums Leben hat dramatische Wendepunkte, er hatte starke Gegner und kämpfte für Themen, die bis heute aktuell sind. Die Leidenschaft eines Politikers, der hellhörig die Grundrechte und den Begriff der Menschenwürde zum Ausgangspunkt seines politischen Denkens und Handelns macht, vor dem Hintergrund der jungen Bundesrepublik, deren Politik er mitgeprägt hat – als „Drehbuch" ist das ungeheuer spannend.

Sie haben sich nicht nur, aber vor allem durch Filme über die Musik- und Theaterwelt, zuletzt über den Dirigenten Kent Nagano, einen Namen gemacht. Warum dieses Mal etwas Politisches?

Es ist mein erster politischer Film, das stimmt. Aber auch bei den Musiker- und Komponistenporträts ging es um Ideen und Überzeugungen; die Künstler, über die ich Filme gemacht habe, waren auch politisch interessiert, wollten über ihre Kunst Menschen erreichen, berühren. Spannend für mich ist es, zu sehen, wie Dinge entstehen, wozu sich Menschen gegenseitig inspirieren, was sie miteinander teilen oder was sie trennt. Es ist allerdings leichter, Filme über Musik zu machen, weil da ein wichtiges rhythmisches Element, die Musik, schon da ist. Balance, Tempo, Rhythmus sind die Merkmale, über die ich beim Filmemachen am meisten nachdenke, über die Frage, wie kriegt man die Inhalte in einen Erzählfluss, der Raum für eigenes Denken lässt und die Vielschichtigkeit von Zusammenhängen zeigt.

Wie schwierig war es, (prominente) Interviewpartner für Ihren Film zu gewinnen?

Das war gar nicht schwierig! Alle Beteiligten fanden die Idee, einen Film über Gerhart Baum zu drehen, großartig. Hans-Dietrich Genscher war sofort einverstanden und nahm sich viel Zeit für ein Doppelinterview zusammen mit Gerhart Baum und ein Einzelinterview. Dabei kam auch der Bruch der sozialliberalen Koalition zur Sprache, die Wende 1982: Genscher befürwortete den Koalitionswechsel, Baum, Verheugen, Burkhard Hirsch und Hildegard Hamm-Brücher standen auf der Seite derjenigen, die das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt nicht mitgetragen haben – und die beim Berliner Parteitag Uwe Ronneburger unterstützten, den – chancenlosen – Gegenkandidaten zu Genscher um den Parteivorsitz. Das war die große Zerreißprobe der FDP, Parteiaustritte folgten, wie der von Günter Verheugen, dem damaligen Generalsekretär. Das kommt im Film zur Sprache. „Genscher war ja in einem Tief", sagt Baum – und Genscher sitzt dabei und hört ihm zu, ein für mich bewegender Augenblick. Im Archiv des WDR – ich habe wochenlang „im Bauch" des WDR verbracht und Archivmaterial gesichtet – fand ich ein besonderes Dokument: da feiert Baum seinen 50. Geburtstag, drei Wochen nach dem Bruch der Koalition und eine Woche vor dem dramatischen Berliner Parteitag – und Genscher, Baum und Uwe Ronneburger stehen zusammen und trinken ein Bier. Politikerroutine sagen die einen; der Film aber zeigt, wie die Nerven bloß lagen – und trotzdem blieb Freundschaft. Hildegard Hamm-Brücher, Günter Verheugen und Burkhard Hirsch schildern die Wende aus ihrer Sicht. Sehr spannend fand ich das Interview mit Daniel Cohn-Bendit, der aus seiner Sicht erklärt, warum der FDP das Umweltthema, das sie eigentlich „erfunden" hatte, abhanden kam. Oder das Interview mit dem Journalisten Friedrich Nowottny, dem damaligen Leiter des Hauptstadtstudios Bonn, der die Zeit von Baums aktivem politischen Leben mit seiner Sendung „Bericht aus Bonn" entscheidend geprägt hat.

Was fasziniert Sie an der Person Gerhart Baum ganz besonders?

Seine Gradlinigkeit. Aufzudecken im Sinn eines investigativen Reporterzugriffs gibt's bei ihm nichts – bei Baum liegt alles offen vor Augen. Gleichzeitig ist er jemand, der für die Freiheitsrechte der Bürger eintritt, dafür, dass Freiräume, in denen wir Bürger noch unbeobachtet bleiben, nicht immer stärker beschnitten werden, heute ein aktuelles Thema wie je. Als Innenminister – und das ist ein Hauptthema für ihn bis heute geblieben – war er für die Sicherheit der Bürger zuständig, wollte gleichzeitig auch ihre Freiheitsrechte bewahren. Er fühlte sich im „Spannungsfeld" verschiedener Notwendigkeiten – Franz-Josef Strauß nannte ihn mit Vorliebe den „Unsicherheitsminister".Die Strauß-Szene ist überhaupt eines der Highlights des Films. Für die Generation derjenigen, die wie Baum noch die Nazi-Diktatur erlebt haben, war die Verteidigung der Freiheit der entscheidende Grund, in die Politik zu gehen. Dass es Baum immer um Menschen ging, das fasziniert mich.

Wie gehen Sie als Filmemacherin bei einem derartigen Projekt vor? Verfolgen Sie stets eine Strategie oder lassen Sie die Kamera auch einfach mal laufen?

Wir lassen die Kamera laufen, als liefe sie einfach mal, aber sie läuft gezielt. Beim Dokumentarfilm geht es darum – und dazu dient die Vorbereitung –, im Augenblick, wo etwas passiert, die richtigen Entscheidungen zu treffen und sie dem Team zu kommunizieren, Anregungen aufzugreifen. Wichtig ist es, den Menschen vor der Kamera möglichst zu verheimlichen, wie viel Arbeit hinter der Kamera getan sein muss, damit sich ereignen kann, was für den Film spannend und authentisch ist. Bei einem Film, der wie dieser hier viel Archivmaterial verwendet, besteht die Arbeit naturgemäß darin, die Protagonisten vor der Kamera so zu befragen, dass ein Ereignis in ihren Worten lebendig wird.

Wann reifte der Entschluss, dass dieses Projekt Kinotauglichkeit besitzt?

Der Film verfolgt eine doppelte Strategie, Gerhart Baums Lebensentscheidungen im Bild darzustellen und gleichzeitig einen Eindruck davon zu geben, wie die Debatten beschaffen waren, die das politische Leben und die Wirklichkeit der Bundesrepublik allmählich veränderten; um welches politische Kräftemessen es damals ging – und wie aktuell diese Fragen heute noch sind. Wenn uns der Zuschauer darin folgt, dann haben wir ihn auch fürs Kino gewonnen. Das Fernsehformat ist ja meist didaktischer, nicht nur kürzer. Fürs Kino war es mir wichtig, einen Originalton-Film zu machen, der ohne Kommentar auskommt, einen Film, der allein aus der Erzählung der Protagonisten lebt.

Erzählt Ihr Film über Gerhart Baum nicht auch ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte?

Sehr erstaunt war ich, als Gerhart Baum erzählte, dass die FDP der 50er Jahre, besonders in Nordrhein-Westfalen, ein Sammelbecken für Altnazis war. Ich fragte dann Hildegard Hamm-Brücher und Günter Verheugen und sie erzählten ebenfalls, was für ein harter und langer Kampf es gewesen sei, bis sich die FDP in den 60er Jahren neuen Gedanken öffnete. Die Auseinandersetzung mit der Nazi- Vergangenheit, die Auseinandersetzung mit den Fakten, die der Krieg geschaffen hatte, die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze etwa, die der rechte Flügel der FDP noch 1967 vehement ablehnte – tumultartige Szenen spielten sich ab beim Parteitag in Hannover – waren prägend für die Generation junger Politiker, die wie Baum wollten, dass sich Deutschland veränderte, dass nie wieder Willkür herrschen sollte. Das Grundgesetz, das Postulat und die Verteidigung der Menschenwürde als Grundgedanke unserer Verfassung, das sind politische Ideen, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Dafür stritt die Generation von Genscher und Baum. Das ist Nachkriegsgeschichte, die bis heute nachwirkt – zu unserem Glück.

Wie schwierig war es, an Archivmaterial zu kommen? Zeigten sich die Sender kooperativ?

Ohne die gro.zügige Bereitschaft des Westdeutschen Rundfunks, uns mit Archivmaterial und der Archiv-Recherche zu unterstützen, wäre dieser Film nicht entstanden. Ich bin der Redaktion und den Kollegen vom Archiv sehr dankbar, dass sie mir mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung bei der Recherche geholfen haben. Im Grunde ist der Film in fast sechs Jahren wie ein Baum, um im Bild zu bleiben, mit Jahresringen, entstanden: Zunächst habe ich, im Hinblick auf einen zukünftigen möglichen Film, im WDR-Archiv recherchiert und aus den Fundstücken einen 45-Minuten-Film zu Gerhart Baums 75. Geburtstag montiert, der der Geburtstagsgesellschaft gezeigt wurde. Dann arbeiteten wir am Projekt eines Fernsehfilms und schließlich, als die Filmstiftung NRW uns ermutigte und einen Baum-Kinofilm förderte, wurde ein „richtiges" Filmprojekt daraus.

Wie haben Sie den Film finanziert? Wie haben Förderanstalten wie zum Beispiel die Filmstiftung NRW auf dieses Projekt reagiert?

Der Film- und Medienstiftung NRW (früher Filmstiftung NRW) ist der Film zu verdanken. Der Sender hat uns durch die Archivrechte unterstützt und übernahm ein Viertel der Produktionskosten. Einige Zeit lang war die Finanzierung nicht geschlossen, bis schließlich Matthias Kremin vom WDR und Michael Schmid- Ospach, der frühere Leiter der Filmstiftung NRW, sich gemeinsam für den Film und seine Realisierung einsetzten.

Hans-Dietrich Genscher war nach Sichtung des Films vollkommen begeistert. Wie fühlt sich so ein Lob von höchster Stelle an?

Es ist eine große Freude. Sehr wichtig war mir, dass wir die Vielschichtigkeit der Zusammenhänge nicht versimpelten – und wenn das ein wenig gelungen ist, wenn ein großer Politiker wie Hans-Dietrich Genscher unsere Darstellung spannend findet und richtig, dann wird der Film sein Publikum finden.

Die FDP leidet derzeit unter einem extremen Image-Schwund. Kann Ihr Film hier etwas bewegen? Oder inwieweit hat Ihr Film überhaupt etwas mit der aktuellen Situation dieser Partei zu tun?

Der Film ist sicher kein Image-Film für die FDP; das Image der FDP ist vielleicht Gerhart Baums Sorge, meine ist es nicht. Ich habe einen Film über einen Menschen und die Ideen gedreht, die sein Leben bestimmen, nicht über eine Partei, obwohl der Wandel der liberalen Partei ein spannender Erzählstrang des Films ist – zu sehen, wie sich das Gedankenspektrum der Partei veränderte und in meinen Augen auch verengte. Ich habe im Archiv den Freiburger Parteitag 1971 der FDP gesichtet, die politischen Reden Ralf Dahrendorfs, Karl-Hermann Flachs und Werner Maihofers angehört – was war das spannend! Die FDP hat damals Debatten angestoßen, die in der gesamten Gesellschaft diskutiert wurden, sie hat Veränderungen bewirkt und auf die Notwendigkeit zur Veränderung reagiert. Und erstaunlich ist: viele Themen und Probleme, die sich damals stellten, sind heute noch aktuell. – Ich könnte mir im Übrigen aber auch vorstellen, Filme über Politiker anderer Parteien zu machen.

Was verstehen Sie persönlich unter Gerhart Baums These „Freiheit bedeutet, Risiko auszuhalten"?

Dieser wunderbare Satz ist für mich das unausgesprochene Hauptthema, der Subtext des Films – und der Grund, warum ich diesen Film machen wollte! Es ist der eigentliche Kernsatz liberalen Denkens, der mich selbst mein Leben lang begleitet hat; ich fand ihn bei ganz unterschiedlichen Autoren, von Aristoteles über Leonardo da Vinci bis Erich Fromm und Josef Beuys und dann wieder bei Gerhart Baum, der im Übrigen Fromm zitiert. Der Künstler Beuys sagt es in einem Gedicht, das er an eine Schulwand schrieb: „Umarme Freiheit und Unsicherheit." Freiheit und Sicherheit, das geht nicht zusammen, auch wenn manche Politiker uns das weismachen wollen. Einen neuen Weg wird nur finden, sagt der Philosoph Aristoteles, wer Ausweglosigkeit kannte. Dazu gehört eine Menge Mut! Ein Mensch wie Gerhart Baum hat ihn. Schön, ihn zu kennen, ihn über das Medium Film kennenzulernen.